Leseproben

 

                                      TELEFONTERROR

 

„Die Polizei warnt vor Trickbetrügern, die mit angeblich seriösen Telefonanrufen Senioren ihr Geld aus der Tasche ziehen“, hieß es kürzlich in einer Verbrauchersendung im Fernsehen.

Derartige Gespräche durfte ich zwar noch nicht am Telefon führen, dafür bekomme ich regelmäßig Werbung meines Telefonanbieters, dem es anscheinend finanziell sehr schlecht zu gehen scheint.

 

„Guten Tag, spreche ich mit Frau Meier-Lüdenscheidt?"

„Wer will das wissen?"

„Mein Name ist Krüger und ich bin von der deutschen Telefon AG. Ist es vielleicht möglich, Ihre Frau zu sprechen?"

Normalerweise bin ich nicht eifersüchtig, aber man weiß ja nie. Egal, erstmal unfreundlich bleiben.

„Nein, die ist nicht da."

Ich hoffe, dass er wieder auflegt, aber er bleibt hartnäckig.

„Ach, dann sind Sie Herr Meier-Lüdenscheidt?"

Blöde Frage, denke ich mir. Fehlte nur noch, dass er mich fragt, ob ich gerade mit meiner Gummi-Ente in der Badewanne sitze. Aber um das zu kapieren, ist er wahrscheinlich zu jung.

Es folgt einer der täglich meistgesprochenen Sätze in Deutschland: „Ich heiße Meier." Vielleicht sieht er endlich ein, dass man mit mir keine vernünftige Kommunikation führen kann und legt auf. Schließlich will ich von Menschen wie ihm nicht länger behelligt werden.

Pustekuchen! „Herr Meier, ich habe da etwas für Sie, was Sie garantiert nicht ablehnen können."

Will er mir einen neuen Luxusgrill zum Schnäppchenpreis verkaufen? Da müsste er schon meine geheimsten Wünsche kennen.

Gespannte Erwartung, auch wenn ich ahne, was folgt. Zuversichtlich starte ich den nächsten Versuch, um ihn zum Aufgeben zu zwingen.

"Ich könnte es garantiert nicht ablehnen, wenn Sie sagen würden, ich lege wieder auf.“

Natürlich geht Krüger nicht darauf ein. „Nein, Herr Meier, im Gegenteil, für Sie und Ihre Frau habe ich ein Super-Angebot: Die Family-Card zu einem Aktionspreis von 17,95 Euro monatlich bei einem Abschluss bis zum 31.Juli. Damit können Sie annähernd 240 Euro im Jahr sparen. Na, was sagen Sie jetzt?"

Zunächst bin ich tatsächlich sprachlos. Dann sage ich ihm, dass das letzte Angebot seiner Firma wesentlich günstiger ausfiel. Das bringt ihn leicht aus der Fassung, weil ich hören kann, dass er am anderen Ende nach Luft schnappt.

 Ich versuche, die Situation zu retten, indem ich das Thema verlagere. „Sagen Sie, sind Sie glücklich in Ihrem Beruf?"

Damit habe ich ihn auf dem falschen Fuß erwischt.

„Eigentlich nicht, aber ich muss Frau und Kinder davon ernähren können", stöhnt er.

Kurzzeitig keimt Mitleid in mir auf. "Das ist doch bestimmt ziemlich öde, wenn man den ganzen Tag mit irgendwelchen begriffsstutzigen Zeitgenossen telefonieren muss. Es gibt zum Beispiel Berufe, in denen man es sogar zum Präsidenten eines Landes bringen kann. Versuchen sie es doch einmal als Immobilienmakler. Was bin ich für ein Schelm, kommt mir in den Sinn.

"Ich konnte mir das eben nicht aussuchen. tut mir leid.“ Er klingt frustriert. „Also, interessieren sie sich jetzt für diesen Scheißvertrag?"

„Haben sie denn nichts Gescheites gelernt?" Ich lasse nicht locker, weil er angeschlagen wirkt. Gleich geht er zu Boden.

„Doch, ich habe sogar alles Mögliche studiert, aber leider keine Stelle gefunden."

Der Vergleich mit Goethe`s Faust liegt nah, der allerdings hatte einen Job. Ich bin jedenfalls schockiert. Ein Akademiker, der Telefonverträge verkaufen muss? Das wird ja immer schöner?

Ich gehe ins Detail. „Was haben sie denn so studiert?"

"Na, zum Beispiel Philosophie, Juristerei und Medizin. Und leider auch Theologie."

Wusst ich`s doch. Hier steht er nun, der arme Tor und knöpft sich dumme Rentner vor. Ich mache mir meinen eigenen Reim darauf.

Aber ich versuche, ihm Mut zu machen. „Ach so, verstehe, Herr Krüger, Sie müssen zuerst überall in Ihrer Firma ein Praktikum absolvieren, bevor man sie auf höhere Positionen loslässt." Ich atme auf, denn anscheinend findet man für studierte Menschen doch noch die angemessene Verwendung, auch bei der Telefon AG. Glücklicherweise werden die Geschicke unseres Landes immer noch von gebildeten Menschen bestimmt, ganz im Gegensatz zu anderen Staaten.

„Nein, das verstehen sie falsch. Ich bin nur auf 400-Euro-Basis beschäftigt und mein Gastspiel ist nur befristet. Glauben sie mir, ich würde auch gerne etwas anderes machen, als Ihnen Telefonverträge aufzuschwatzen."

„So was denn zum Beispiel? Vielleicht etwas ganz anderes, Künstlerisches, Kreatives?"

„Wenn sie mich so fragen, dann kann ich mir nur eine düstere Zukunft ausmalen." Er beweist Galgenhumor und fährt fort. „Alles, was ich bisher angefangen habe, reichte nicht einmal, dass ich meine Familie damit ernähren könnte. Womit wir wieder beim Thema wären. Soll ich Ihnen das mit der Familiy-Card mal erklären?"

„Mich interessiert nur meine EC-Karte. Mit der bezahle ich bevorzugt, weil ich damit nicht sehe, wie mein Kontostand immer mehr von der Schwindsucht heimgesucht wird." Ein weiterer Versuch, um ihm klarzumachen, dass bei mir nix zu holen ist.  

„Für diese Family Card benötigen Sie ein Smartphone. Haben Sie denn sowas?"

„Gott bewahre, wir besitzen nur ein Handy aus dem Pleistozän, das geschätzt 2400 Millionen Jahre alt ist und das ich in einer Höhle gefunden habe, weil es dort wahrscheinlich auf der Flucht vor einem Saurier liegengelassen wurde. Zum Glück konnte man damit schon SMS schreiben und telefonieren, man ersparte sich also das Trommeln mit der Keule. Meiner Frau und mir genügt es, denn in unserem Alter ist man da nicht mehr so empfänglich für komplizierte Technik." Da es kurz vor Ostern ist, muss ich seltsamerweise an ein iPad denken. Übrigens: Warum feiert man Ostern? Ganz einfach, weil man damals einen Hasen ans Kreuz genagelt hat und er vor Schreck ein paar Eier gelegt hat. Dazu gehören auch Telefonverträge.

Er ignoriert meinen Einwand. „Naja, da nützt so ein Vertrag natürlich nicht viel. aber wenn sie sich ein Smartphone zulegen würden, könnte ich Ihnen den besagten Tarif supergünstig verkaufen. So billig bekommen sie es nicht mehr von der Telefon AG, aber wie gesagt, Sie sollten sich schnell entscheiden."

Damit hat er meinen wunden Punkt getroffen, denn wenn man älter wird, ist man automatisch langsamer. „Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich die Bedienung von diesem Handy verinnerlicht hatte, weil ich nichts von moderner Technik verstehe und jetzt kommen Sie mir mit so einem neumodischen Kram daher."

Kurzes Schweigen. Hoffentlich hält er mich jetzt für einen besonders hoffnungslosen Fall und legt endlich auf. Dann könnte ich nämlich damit fortfahren, Windows 10 auf meinem Computer zu installieren.

„Haben Sie denn ein Laptop?" Krüger lässt nicht locker.

Jetzt hat er mich eiskalt erwischt. "Ja, wieso?"

„Mit dem könnten sie dann sogar unterwegs ins Internet, wenn Sie unser Angebot annehmen. Außerdem möchten sie doch bestimmt überall erreichbar sein, oder?

Mir platzt der Kragen und ich ringe nach Luft. „Nein, eben nicht. Meinen Sie vielleicht, wenn ich im Wald spazieren gehe, dann nehme ich das Handy oder das Laptop mit, damit ich im Internet nachsehen kann, wie ich mich verhalten soll, wenn mir eine Wildsau oder ein Wolf gegenüberstehen? Oder soll ich etwa meine Frau anrufen und sie fragen, was ich ihr von dort mitbringen soll?

„Haben sie ein Tablet?" Er zieht alle Register.

„Bitte, was?"

„Ein Tablet."

Ich versuche, mich blöd zu stellen, was mir des Öfteren nicht schwerfällt. „Ach so, ein Tablett. Ja, wir haben eines oder zwei davon zuhause. Das ist immer praktisch, wenn man zum Beispiel im Bett frühstücken möchte und so." Ich will mich ja nicht loben, aber den Kalauer muss er erstmal verdauen.

Ich höre ihn jetzt am anderen Ende der Leitung laut schnaufen.

„Wissen Sie, was? Wann ist denn Ihre Frau wieder daheim?"

„Warum interessiert Sie das?" Fehlte nur noch, dass er fragt, wann sie allein zuhause ist.

„Vielleicht möchte die ja so einen Vertrag abschließen."

„Halten sie mich für nicht mündig genug, dass ich das für uns Beide entscheiden kann?"

„Doch natürlich, aber es könnte ja sein, dass sie anderer Meinung ist als Sie."

„Unsere Ehestreitigkeiten tragen wir immer noch untereinander aus. Da brauchen wir keinen Telefonverkäufer dazu."

„Trotzdem würde ich es nochmals probieren. Sagen wir acht Uhr?"

„Ein klares Nein. Außerdem haben wir Ihrer Firma bisher bei jedem Anruf zu verstehen gegeben, dass wir das bei einem Beratungsgespräch unter sechs Augen in einem Ihrer Läden in der Stadt erledigen werden, wenn wir eine Änderung unseres Telefonvertrags wünschen sollten."

„Diesen speziellen Vertrag kann ich Ihnen aber nur telefonisch verkaufen."

Ich versuche, mich weiter blöd zu stellen: „Wie soll ich den dann unterschreiben, vielleicht mit Tinte auf dem Computerbildschirm? Das wäre genauso dämlich, als wenn ich etwas auf der Mattscheibe radieren wollte. Nochmals zum Mitschreiben. Wir brauchen keinen neuen Vertrag. Haben sie das endlich kapiert?" Meine Laune ist im Keller angekommen.

„Ich rufe um acht Uhr Ihre Frau an, ja?"

„Das können Sie von mir aus versuchen. Ich werde gewappnet sein und den Anrufbeantworter einschalten."

„Sagen Sie bloß, Sie haben noch einen alten Anrufbeantworter?"

„Was dagegen?"

„Nein, aber ich hätte da etwas für Sie …"

Ich ziehe den Stecker aus der Buchse, packe das Telefon und werfe es durchs offene Fenster nach draußen.

 

 

 

 

So spielt das Leben. Meinem Romanhelden, Abbé Bérenger Saunière erging es da wesentlich gefährlicher:

 

Gähnende Dunkelheit empfing ihn, als er den Höhleneingang betrat. Obwohl er schon mehrere Male hier war, bekam er erneut ein mulmiges Gefühl. Er wollte sich keinesfalls lange aufhalten, das sagte ihm sein Instinkt, denn es schien ein verfluchter Ort zu sein. Rasch griff er nach einer der Fackeln, die in der Halterung an der Wand steckte. Er zündete ein Streichholz an und kurze Zeit später loderte eine grellgelbe Flamme auf, die den Gang der Höhle in ein gespenstisches Licht tauchte. Sein Weg führte ihn abwärts. Geisterhafte Schatten tanzten an der Wand entlang, die Luft war bedrückend und stickig. Die Asmodisstatuen, die er damals in einem Abstand von etwa zehn Metern aufgestellt hatte, schienen ihn höhnisch anzugrinsen, fast so, als würden sie eine Verschwörung gegen ihn im Schilde führen. Obwohl sie nur aus Holz waren, schienen sie ein teuflisches Innenleben zu besitzen.

„So weit bin ich gekommen", murmelte er vor sich hin. „Wegen eines verfluchten Schatzes bete ich den Teufel höchstpersönlich an und lasse mich von ihm zu einem Mordkomplott verführen. Bérenger, was ist nur aus dir geworden." Er schüttelte den Kopf und schlich voll innerer Unruhe ängstlich weiter.

Ein beachtliches Stück musste er noch hinter sich bringen, bis es endlich an einer Wegbiegung heller wurde. Aber es war kein Tageslicht, das ihn empfing, sondern der Glanz des Goldes, der die gesamte Halle ausfüllte.

Eigentlich wollte er nicht mehr hierher, aber die Pläne, die er für sein Dorf hatte, begannen schon jetzt, mehr Geld als vorgesehen zu verschlingen. Er würde es doch nur für einen guten Zweck tun, redete er sich ein. Dennoch merkte er längst nicht mehr, wie ihn der Sog des Abwärtsstrudels erfasste. Nur kurz war ihm bewusstgeworden, wie unfreundlich er sich in der letzten Zeit gegenüber Marie verhalten hatte. Sie litt heimlich darunter, aber es gelang ihm immer weniger, seine Unbeherrschtheit in den Griff zu bekommen.

„Ach was", redete er sich ein, „wenn hier alles fertig gebaut ist, dann wird es uns Beiden wieder bessergehen. Man wird in Südfrankreich mit Ehrfurcht von Rennes-le-Château und seinem Abbé sprechen. Das ehemals mächtige Rhedae wird aus seinen Ruinen wie Phönix aus der Asche hervorsteigen und eine Bedeutung als Mekka für das Christentum erlangen." Ein irres Lachen entfuhr ihm dazu, war es schon das Gelächter eines Wahnsinnigen?

„Trotzdem solltest du immer bedenken, dass dir dieser Schatz nicht gehört und ich dir nur ausnahmsweise erlaubt habe, etwas davon zu nehmen, Priesterlein." Eine dröhnende Stimme hallte zwischen den Wänden der Höhle wider, kreiste ihn ein, gleichsam wie eine Fessel, die man um ihn schlang. War sie reell oder nur in seinem Kopf? Wie aus dem Nichts war sie erklungen und sie ließ ihn vor Angst aus allen Poren schwitzen.

Er war ihm wiedererschienen und, noch ehe Bérenger sich umdrehen konnte, stand das dämonische Wesen mit seiner Teufelsfratze erneut vor ihm: Asmodis, der biblische Baumeister des Tempels des Königs Salomon, Wächter aller Schätze auf dieser Welt. Jeden, der ihnen verfallen war, hatte er zu biblischen Zeiten mit einem Fluch belegt, der mit dem Tod endete. Er war der Herr der Begierde und Bérenger hatte ihn damals durch Zufall wiedererweckt. Wie der Teufel versuchte, Jesus in der Wüste zu verführen, so hatte es auch Asmodis mit Bérenger getan und hatte Erfolg.

Der Pfarrer von Rennes-le-Château rang hörbar nach Luft, als er ihm gegenüberstand.

„Du weißt, dass ich sparsam damit umgegangen bin. Immerhin habe ich mir nur einen geringen Teil genommen", versuchte der Abbé, sich zu rechtfertigen.

Asmodis lachte furchterregend: „Was für eine armselige Entschuldigung!" Er äffte ihn nach. „Nein, sprach der Mensch, ich habe mir nur einen Bruchteil aller Schätze dieser Welt genommen, leider ist dabei einiges kaputtgegangen, ein Kollateralschaden sozusagen, aber das muss man eben in Kauf nehmen. Ach, ihr Menschen widert mich an. Ihr seid keinen Deut besser als euer Gott, den ihr so inbrünstig anbetet. Euere Gebote sind nur noch dazu da, dass ihr sie ignoriert."

Dann starrte er mit seinen stechenden blauen Augen Bèrenger ins Gesicht, wie eine Brillenschlange, die ihr Opfer hypnotisiert, bevor sie ihm den Todesstoß versetzt.

„Aber nur zu, tu dir keinen Zwang an. Das Eine bedenke aber dabei: Alles hat seinen Preis."

„Was verlangst du von mir? Genügt es dir nicht, dass ich eine Statue von dir in meiner Kirche, also an einem heiligen Ort, habe aufstellen lassen? Was glaubst du, was ich mir deswegen alles anhören musste. Dazu kommen all die anderen ungewöhnlichen Dinge, die sich dort befinden. Sie lassen für einen Laien einen höchst zweifelhaften Schluss auf die Auslegung der Bibel zu." Berenger war forscher geworden.

„Ich darf dich daran erinnern, dass du der Auftraggeber eines Mordes gewesen bist und dass du damit gegen mindestens eines euerer Gebote verstoßen hast. Menschen wie du kommen normalerweise nach ihrem Tod auf direktem Weg zu uns in die Hölle. Auch wenn du noch soviel davon bereust und Buße tust, so haftet diese Schuld weiter an dir bis zu deinem Lebensende. Aber man wird dir an höherer Stelle trotzdem vergeben, weil du dein Leben lang deinem Gott gedient und immer nach der einzigen Wahrheit gesucht hast. Ich will sie nicht aussprechen, aber sie ist eng mit euerem ‚Gottessohn‘ verbunden. Zu lange hat man bisher Lügen über ihn verbreitet. Aber jetzt zu meiner Forderung: Gib mir deine Seele und du kannst dir unbegrenzt von meinem Gold nehmen. Aber nicht nur das. Wenn du darauf eingehst, werde ich dir ein Angebot machen, dass du nicht ablehnen kannst."

Saunière erschrak augenblicklich, als er den Teufel so reden hörte. Aber die Neugier trieb ihn voran. „Wie lautet dein Angebot?“

„Ich werde dir helfen, die Wahrheit über Jesus Christus vollständig aufzudecken, nicht mehr und nicht weniger. Sie soll nicht länger ein großes Geheimnis bleiben."  

Bérenger war hin und hergerissen. Würde er darauf nicht eingehen, würden seine Träume von einem Moment auf den anderen wie eine Seifenblase zerplatzen. Andererseits musste er an die Dokumente denken, die ihm nur in Rennes-le-Château sicher zu sein schienen. Deshalb musste auch dieser ganze Aufwand mit dem Bau einer riesigen Mauer um den Ort betrieben werden. In ihrem Innersten wollte er ein Heiligtum errichten, in dem er sie aufbewahren würde. Für immer sollten sie jedem Zugriff durch die Außenwelt entzogen sein. Jetzt bekam er auch noch eine andere Sache auf dem goldenen Tablett serviert, die ihn von jeher umtrieb.  

Er selbst war sich nichts mehr wert. Einzig um die Wahrheit ging es noch.

„Ich habe wohl keine Bedenkzeit mehr, oder?“

Der Dämon nickte nur ernst.

„Dann gib mir wenigstens die Möglichkeit, den Zeitpunkt meines Todes selbst zu bestimmen." Er blickte Asmodis zaghaft an, dieser jedoch bedeutete ihm mit einer einladenden Handbewegung, fortzufahren.

„Alle meine Bauvorhaben werden wahrscheinlich noch 20 Jahre in Anspruch nehmen, wenn alles nach Plan verläuft. Deshalb schlage ich den 22. Januar 1917 als meinen Todestag vor." Die Zahl 22 hatte schon immer eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt, sie trat auf geheimnisvolle Weise bei vielem in Erscheinung, was er plante oder durchführte. Der Monat Januar sollte ihm nicht mehr die Möglichkeit geben, das Erwachen des Frühlings und aller damit verbundenen Pracht der Natur und Schönheit seines Dorfes zu erleben. Bis dahin hatte er genug Möglichkeit, sich auf seine "lange Reise" vorzubereiten, wie er es dann gegenüber Marie ausdrücken würde.

Asmodis dachte kurz nach, dann nickte er mit seinem schrecklichen Kopf. „Nimm dir, was du brauchst. Aber ich werde nichts vergessen und nehme dich zu gegebener Zeit beim Wort." Kaum hatte er es ausgesprochen, war er auch wieder verschwunden.

Sauniere wäre über sich erschrocken, hätte er sich im Schein der Fackel sehen können. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er fasste sich ans Herz und schnappte nach Luft. „Um Gotteswillen, was habe ich nur getan!", schrie er flehend. Dann wurde es dunkel um ihn.

Irgendwann später wachte er schweißgebadet auf. Aber was war passiert? Statt auf dem Boden der Höhle lag er auf dem Sofa seiner Bibliothek im Tour Magdala. Langsam dämmerte es ihm – ein schrecklicher Alptraum hatte ihn im Schlaf heimgesucht.

 

Aus "Das Geheimnis von Rennes-le-Château", erschienen 2018 im TWENTYSIX-Verlag; ISBN 9783740744328